Press review for Stalags - Holocaust and Pornography in Israel
Zitty Berlin

Pornografie & Holocaust

Tabubruch

Dokumentarfilm von Ari Libsker über in Israel tabusierte pornografische Groschenromane.

Inhalt

Die kleinen, bunten, pornografischen Groschenromane mit der Bezeichnung "Stalag" sind bis heute ein Tabu in der israelischen Gesellschaft. Geschmacklos und hemmungslos zugleich erzählen die Geschichten von sadistischen KZ-Aufseherinnen, perversen SS-Frauen und sexuellen Verirrungen im Gefangenenlager. Aber die seltsamen, bildgewordenen Fantasien waren keine Randerscheinung einer marginalen Subkultur, sondern wurden in kurzer Zeit zu einem kulturellen Massenphänomen. In tausendfacher Auflage überschwemmten die Stalag-Heftchen den israelischen Alltag vor allem in den 60er-Jahren, parallel zum Eichmann-Prozess. Von den Verfassern der Heftchen bis zu den Lesern und Benützern kommen zahlreiche Menschen zu Wort und entwerfen ein Bild jener widersprüchlichen und zerrissenen Gesellschaft und Zeit, durch die sich dieses seltsame Phänomen zieht.

zitty-Kritik

Fast alles ist in der Kunst beschrieben und gezeigt worden, selbst im Mainstream ist heute ein Maß an pornografischer und gewalttätiger Darstellung möglich, das vor wenigen Jahren undenkbar schien. Besonders in der westlichen Welt ist der Holocaust eines der letzten Themen, die mit größter Vorsicht behandelt werden. So überrascht es umso mehr, wovon Ari Libskers bemerkenswerter Dokumentarfilm handelt. Es geht um so genannte Stalags, abgeleitet von Stammlager, womit im Israel der 60er Jahre pornografische Groschenhefte bezeichnet wurden. Thema der dünnen Hefte, die ein paar Jahre lang enormen Erfolg hatten und zahllosen jungen Israelis als „Wichsvorlage“ (um den Film zu zitieren) dienten, war stets die sexuelle Ausbeutung alliierter Gefangener durch weibliche SS-Soldaten. Diese hat es allerdings nie gegeben, und auf diese Diskrepanz zwischen Realität und Darstellung in fiktiver Form will Libsker hinaus. Im Laufe seines Films spannt er dann den Bogen von den Groschenheften zu den berühmten, nur teilweise authentischen, unter dem Pseudonym K.Zetnik erschienenen KZ-Erinnerungen – bis hin zum Eichmann-Prozess. Wie auch in der israelischen Geschichtsschreibung zunehmend deutlich wird, begann erst mit ihm die eindringliche Beschäftigung mit dem Holocaust, die inzwischen zur Sinnstiftung der Nation geworden ist. Die problematischen Folgen dieser Entwicklung deutet auch Libsker in seinem Film an, der trotz seiner 63 Minuten ein erstaunliches Maß an Denkansätzen liefert.


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